Klassiker bleiben im Glas – und Tequila mischt ganz vorne mit
Drinks International Cocktail Report 2026
Manchmal braucht es keine Neuerfindung des Rades. Oder besser: keine Neuerfindung des Glases. Während in den Bars dieser Welt an Fermentationen, Rotovap-Destillaten und siebenteiligen Serves gebastelt wird, bestellen die Gäste am Ende… genau das, was sie schon immer bestellt haben. Und das ist überhaupt nicht langweilig – das ist eine Ansage. Der Drinks International Cocktail Report 2026 liefert dazu die Zahlen. Und für uns Agaven-Fans sind die ziemlich erfreulich.
Erstmal: Wer wurde da eigentlich gefragt?
Wichtig für die Einordnung, bevor wir uns ins Ranking stürzen: Befragt wurden 100 Bars in 26 Ländern – darunter Namen aus The World’s 50 Best Bars, den Tales of the Cocktail Spirited Awards und regionalen Awards. Jede Bar nannte ihre zehn meistverkauften Klassiker, die Platzierungen wurden gewichtet. Erhoben wurde das Ganze Ende 2025.
Heißt im Klartext: Das ist eine Momentaufnahme der Spitzengastronomie, kein globaler Kassenzettel aller Bars dieser Welt. Trotzdem – oder genau deswegen – super spannend. Denn hier sieht man, welche Drinks sich quer über Märkte und Kulturen behaupten.
Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick
Der Negroni bleibt der Chef. Platz eins, unverändert. Mehr als die Hälfte aller befragten Bars hat ihn unter ihren drei Bestsellern. Gin, Bitterlikör, süßer Wermut – drei Zutaten, eine klare Handschrift, ein Geschmack, den man nicht verwechselt.
Spirit-forward läuft weiter. Old Fashioned und Dry Martini sitzen fest in den Top 5. Wer glaubte, die puristischen, starken Drinks hätten ihre Zeit gehabt: nope.
Aber auch die zugänglichen Klassiker boomen. Espresso Martini und Margarita stehen ganz oben. Der Report liest daraus keinen einzelnen dominanten Stil heraus, sondern etwas anderes: Gefragt sind Drinks mit klarer Geschmacksidentität. Egal ob bitter, stark oder fruchtig-frisch – Hauptsache, er hat ein Gesicht.
Und jetzt der Teil, der uns besonders freut: Bei den Basisspirituosen führt Gin weiter das Feld an – aber Tequila steht auf Platz zwei. Rum hat Wodka überholt. Die Agave ist hinter der Bar also längst keine Randnotiz mehr, sondern zweitstärkste Kraft im Spiel.
Das Cocktail-Ranking 2026: Die Top 10
| Platz | Cocktail | Veränderung |
|---|---|---|
| 1 | Negroni | unverändert |
| 2 | Margarita | ▲ 1 |
| 3 | Old Fashioned | ▼ 1 |
| 4 | Dry Martini | ▲ 3 |
| 5 | Espresso Martini | ▼ 1 |
| 6 | Daiquiri | ▼ 1 |
| 7 | Aperol Spritz | ▲ 1 |
| 8 | Paloma | ▲ 1 |
| 9 | Whiskey Sour | ▼ 3 |
| 10 | Manhattan | unverändert |
Zwei von zehn Plätzen gehen an die Agave. Lasst das mal kurz wirken.
Die zwei Tequila-Drinks im Fokus
Margarita – Platz 2 und immer noch im Aufwind
Ein Platz nach oben, und damit so nah an der Spitze wie selten. Die Zahlen dahinter sind beeindruckend: 18 Prozent der Bars nannten die Margarita als ihren absoluten Bestseller, 36 Prozent haben sie in den Top drei, und in sagenhaften 76 Prozent aller befragten Bars landet sie in den Top 10. Das ist keine Mode, das ist ein Fundament.
Warum funktioniert sie so verlässlich? Weil sie so herrlich schlicht ist. Tequila, Limette, Orangenlikör – vielleicht ein Salzrand. Dieses Dreieck aus Zitrus, Süße und Agavencharakter ist sofort verständlich und lässt gleichzeitig unendlich viel Raum zum Spielen. Die Kollegen im mexikanischen Handshake Speakeasy etwa setzen auf eine Variante mit Tequila, Limette, Orange Curaçao und Zucker.
Und jetzt kommt der Teil, den ich am spannendsten finde: die regionale Verteilung. Die Margarita wurde in Australien, Südafrika, Frankreich und Italien als beliebtester Klassiker genannt. In den USA dagegen – ausgerechnet dort, wo sie praktisch zum Nationalgetränk gehört – hat sie es laut Report nicht auf Platz eins geschafft. Die Vermutung des Reports: Die befragten Spitzenbars dort tendieren stärker zu spirituosenbetonten oder bitteren Drinks. Ein schönes Beispiel dafür, dass ein Cocktail den breiten Markt erobern kann, ohne in jeder Edel-Bar die Nummer eins zu sein.
Paloma – Platz 8 und erstmals in den Top 10
Und hier wird’s für mich richtig emotional. Die Paloma klettert einen Platz nach oben und steht erstmals in den Top 10. Mexikos Liebling, der Drink, den man am Straßenstand genauso bekommt wie in der Hotelbar, hat es auf die Weltbühne geschafft.
Die Paloma steht für eine ganz andere Seite des Tequila-Trends. Wo die Margarita kompakt, intensiv, straff gebaut ist – klassische Sour-Struktur, alles auf den Punkt – da macht die Paloma genau das Gegenteil: Tequila, Grapefruitlimonade, ein Spritzer Limette. Lang, spritzig, erfrischend, unkompliziert. Ein Drink, den man nicht studieren muss, sondern einfach trinkt. Und dann noch einen.
Ihre Stärke ist diese Mischung aus regionaler Verwurzelung und internationaler Anschlussfähigkeit. Sie ist tief mexikanisch und funktioniert trotzdem überall. Bars variieren munter: frischer Grapefruitsaft statt Limonade, Soda, Kräuter, zusätzliche Aromen. Das Athener Beispiel aus dem Report kombiniert Blanco-Tequila mit Honig, Thymian, Salbei und pinker Grapefruitlimonade – das klingt wie ein Spaziergang durch einen mediterranen Kräutergarten mit mexikanischem Pass.
Dass Margarita und Paloma gemeinsam in den Top 10 stehen, sagt eigentlich alles: Tequila kann beides. Kurz und zitrusscharf. Oder lang und leicht.
Und die Mezcal Margarita?
Die steht auf Platz 34 – mit einem kleinen Rutsch von sechs Plätzen nach unten. Sie ist aber eben keine reine Tequila-Variante: Mezcal bringt sein rauchigeres, oft komplexeres Agavenprofil mit und verändert den Charakter des Rezepts komplett. Allein, dass sie überhaupt in der Liste steht, zeigt: Agavenspirituosen sind auf den Barkarten dieser Welt längst breiter angekommen als nur über die zwei großen Tequila-Klassiker.
Unser Fazit
Der Report ist im Grunde eine Liebeserklärung an die Ausdauer. Der Negroni bleibt vorn, der Old Fashioned und der Martini halten die Stellung – und mitten in diesem Feld der ewigen Großen stehen zwei Drinks, die ihre Seele aus der Agave ziehen.
Die Margarita gewinnt mit Bekanntheit, Balance und der Fähigkeit, in jeder Bar der Welt zu funktionieren. Die Paloma gewinnt mit Frische, Leichtigkeit und diesem unbeschwerten Longdrink-Charakter, der einfach nach Sonnenuntergang schmeckt. Zusammen beweisen sie, wie unglaublich vielseitig Agavenspirituosen sind – und warum Tequila im Rennen um die stärkste Spirituosenkategorie weiter Boden gewinnt.
Unser Urteil: Die Agave ist nicht mehr Gast an der Bar. Sie hat sich einen Platz am Tisch der Klassiker erarbeitet. ¡Salud!