Das Tequila Tasting Wheel einfach erklärt
Kennt ihr das? Du sitzt mit Freunden zusammen, im Glas ein richtig guter Blanco, jemand schwenkt, riecht, nickt bedeutungsvoll – und sagt dann: „Schmeckt halt nach Tequila.“ Ende der Analyse. Und irgendwie ist das schade. Denn da drin ist so viel mehr los.
Genau dafür gibt es das Tequila Tasting Wheel. Ein Aromarad, das aus tausenden Tasting-Notizen von Profis und Liebhabern destilliert wurde – nicht um dich zu belehren, sondern um dir die Worte zu leihen, die dir gerade fehlen. Oder wie es die Leute von der Academia Patrón so schön sagen: Es ist „a secret weapon, not a hurdle to overcome“. Eine Geheimwaffe. Keine Prüfung.

Wie das Rad funktioniert: von innen nach außen
Das Prinzip ist herrlich einfach. Du liest das Rad von der Mitte nach draußen. Innen sitzen die sechs großen Familien, außen wird’s dann konkret:
- Fruchtig – Apfel, Aprikose, Birne, Grapefruit, Limette, Pfirsich, Rosine
- Blumig / Kräutrig – Basilikum, Jasmin, Lavendel, Minze, Rosmarin, Zitronengras
- Süß – gekochte Agave, Honig, Vanille, Karamell, Butterkaramell, Toffee, Melasse
- Pflanzlich – rohe Agave, Artischocke, grüne Bohnen, Paprika, Jalapeño, Sellerie
- Nussig / Würzig – weißer und schwarzer Pfeffer, Zimt, Nelke, Mandel, Tabak, Tamarinde
- Erdig / Holzig – Eiche, Leder, Kaffee, Schokolade, verkohltes Holz, Mineralien, Zeder
Und jetzt der Trick, den ich am meisten liebe: Das Rad ist nach Gewicht sortiert. Die leichten, flüchtigen Nöteli oben, die tiefen, satten, dunklen Aromen weiter unten. Du wanderst also nicht wild herum, sondern arbeitest dich vor – von der Zitrusschale bis zum verkohlten Fass.
Am Ende ist es wie Stöbern in einer alten Bibliothek. Du suchst „Vanille“ – und findest daneben Toffee, Kuchenteig und Butterkaramell. Aromen, nach denen du gar nicht gefragt hast, die aber plötzlich unverkennbar da sind.
Bevor du riechst: die kleinen Dinge, die alles ändern
Ein Aromarad ist nur so gut wie das Glas, aus dem du trinkst. Also, ganz kurz und schmerzlos:
Weg mit dem Shotglas. Wirklich. Und auch der breite Tumbler ist der Feind – da verpuffen die Aromen in alle Himmelsrichtungen. Nimm eine Copita (das Standardglas in Jalisco), ein Jarrito oder ein tulpenförmiges Glas. Alles, was sich nach oben verjüngt und die Aromen zu deiner Nase bündelt.
Kein Eis. Kälte betäubt. Zimmertemperatur oder einen Hauch darunter, mehr braucht ein 100 % Agave nicht.
Riechen mit leicht geöffnetem Mund. Klingt merkwürdig, ist aber der beste Tipp des ganzen Abends. So entweicht der Alkoholdampf, statt deine Riechzellen wegzupusten. Und: keine tiefen Atemzüge, sondern kurze, kleine Schnüffler. Wandere mit der Nase am Glasrand wie über ein Zifferblatt – 12 Uhr, 3, 6, 9. Jede Position erzählt eine andere Geschichte.
Dann zwei Schlucke, nicht einen. Der erste ist nur ein Kuss – ein Tropfen auf die Zungenspitze, damit sich der Gaumen an die 40 % gewöhnt. Der zweite ist der echte: Zunge komplett benetzen, schlucken, und dann langsam durch die Nase ausatmen. Genau in diesem Ausatmen liegt der Abgang. Da kommt die Vanille. Da kommt der Pfeffer. Da kommt die Seele der Agave.
Ein Glas Wasser daneben, um den Gaumen zwischendurch neu zu starten – und wenn du magst, was zum Knabbern: Zitrusfrüchte oder Ceviche zum Blanco, milder Käse oder Mandeln zum Reposado, dunkle Schokolade zum Añejo. Da geht die Sonne auf.
Warum ich das Rad jedem in die Hand drücke
Weil es die Angst nimmt. Es gibt nichts Einschüchternderes, als wenn jemand am Tisch von „mineralischer Struktur mit Zedernkante“ spricht und du nur denkst: Ich riech doch bloß Karamell. Spoiler: Karamell ist auf dem Rad. Ganz unten rechts, im süßen Viertel, direkt neben Toffee und Honig. Du hattest also die ganze Zeit recht.
Und das Beste: Wenn ihr das Rad mit zwei, drei Flaschen nebeneinander benutzt – Blanco, Reposado, Añejo – dann seht ihr auf einmal schwarz auf weiß, was das Fass mit einem Tequila macht. Der Blanco tobt oben herum, bei Limette, Zitronengras, roher Agave, weißem Pfeffer. Der Añejo sinkt nach unten ab, zu Vanille, Eiche, Kaffee, Schokolade, Backgewürzen. Dasselbe Destillat, zwei völlig verschiedene Welten. Muss man sich mal vorstellen!
Also: Ausdrucken, an die Hausbar pinnen, Freunde einladen. Und plötzlich redet niemand mehr über „Tequila“ – sondern über Zitronengras, gekochte Agave und ein bisschen Leder im Abgang. Genau da fängt der Spaß nämlich erst an.
Euer
Tequila Dealer
Mehr dazu
https://www.tequiladealer.de/wie-man-tequila-professionell-verkostet-vom-nosing-bis-zum-finish/
https://www.academiapatron.com/proof-reads/tequila-tasting-wheel
https://www.tequilareport.com/p/how-to-drink-good-tequila-a-6-step-guide