Ist dein Tequila gut genug?
Du hast ihn sicher schon im Ohr. Diesen einen Ohrwurm, der gerade die ganze Welt umarmt: „Du bist gut genug.“ Eine kleine deutsche Zeile von Blumengarten, Shirin David und KitschKrieg, die in den USA so durch die Decke geht, dass amerikanische Influencer plötzlich wieder Deutsch pauken. Vier Worte gegen Online-Hass, Krisenstimmung und das ständige Gefühl, immer noch ein bisschen mehr sein zu müssen. Eine kollektive Erlaubnis, einfach mal okay zu sein.
Und während ich das Lied zum gefühlt hundertsten Mal mitsumme, ein Glas Blanco in der Hand, schießt mir ein Gedanke durch den Kopf, den ich heute mit euch teilen muss. Bei Menschen gilt das ja. Aber bei Tequila? Da reicht „gut genug“ eben leider nicht immer. Da müssen wir mal ganz genau hinschauen.
Also, liebe Agavenfreunde: Ist dein Tequila wirklich gut genug? Schnallt euch an, wir machen die Flasche mal gedanklich auf.
Zurück zu den Wurzeln, im wahrsten Sinne
Fangen wir ganz vorne an. Tequila kommt nicht, wie viele immer noch glauben, aus einem Kaktus. Sondern aus der blauen Weber-Agave, einer Sukkulente, die sich sechs bis acht Jahre Zeit lässt, bevor man ihr Herzstück, die Piña, überhaupt ernten darf. Stellt euch das mal vor: Sechs bis acht Jahre. Manche Beziehung hält nicht so lange.
Und dann ist da dieses schöne Wörtchen Terroir, das kennt man sonst vom Wein. Boden, Mineralien, Wasser, Klima. All das schreibt sich in den Geschmack ein. Agaven von felsigen Hängen entwickeln oft mehr Zucker, mehr Charakter. Heißt: Wo eine Agave wächst, schmeckt man später im Glas. Faszinierend, oder?
Apropos Mythos aufräumen: Den berühmten Wurm in der Flasche? Den gibt’s bei Tequila gar nicht. Gesetzlich verboten. Das war immer schon eher ein Mezcal-Marketing-Gag. Und das ganze Ritual mit Salz auf der Hand und Limette zwischen den Zähnen? Das war ursprünglich nichts anderes als ein Trick, um den scharfen Geschmack von minderwertigem Zeug zu übertünchen. Guter Tequila will gesippt werden, nicht weggekippt.
Der große Knackpunkt: „100% de Agave“
Und jetzt kommen wir zum Herzen der Sache, und zu meiner Daumenregel. Auf dem Etikett gibt es zwei Welten, die Welten voneinander trennen: „100% de Agave“ auf der einen Seite, und der sogenannte Mixto auf der anderen.
Mixto darf bis zu 49% Zucker aus anderen Quellen enthalten, Rohrzucker, Mais, was eben billig ist. Das ist der Stoff, der euch am nächsten Morgen den Schädel brummen lässt und euch glauben macht, ihr vertragt keinen Tequila. Spoiler: Ihr vertragt nur diesen einen nicht.
Ein reiner 100%-Agave-Tequila dagegen ist eine andere Liga. Wisst ihr, wo der meiste Geschmack entsteht? Nicht erst im Fass. Rund 63% der Aromenentwicklung passieren schon in der Fermentation. Hefe, Temperatur, der Gärbottich aus Edelstahl, Zement oder Holz. Hier wird die Seele der Agave geboren, lange bevor irgendeine Eiche mitredet. Deshalb ist der ungelagerte Blanco für mich auch die ehrlichste Form: nichts versteckt sich, keine Vanillenote schummelt, hier steht die Agave nackt und stolz im Glas.
Ein kleiner Profi-Hinweis am Rande: Selbst „100% Agave“ heißt nicht automatisch „ganz ohne Zusätze“. Der Consejo Regulador de Tequila (das ist die offizielle Aufsicht, quasi die Tequila-Polizei) erlaubt bis zu 1% nicht deklarierte Zusatzstoffe, Glycerin, Eichenextrakt, ein Hauch Karamellfarbe. Wer es wirklich pur will, hält nach Marken Ausschau, die sich offen zur Additive-Free-Produktion bekennen. Aber keine Sorge: Mit „100% de Agave“ habt ihr schon den entscheidenden Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Was sich gerade tut, die nächste Phase
Und jetzt mal ein Blick aus dem Fenster: Die Agavenwelt ist gerade so richtig in Bewegung. Während der Spirituosenmarkt insgesamt zäher wird, hält Tequila erstaunlich gut seinen Schwung. Warum? Weil die Leute wählerischer werden, im allerbesten Sinne.
Vor allem die jüngeren Genießer trinken bewusster, dafür aber besser. Sie wollen wissen: Was steckt drin? Wer steht dahinter? Welche Geschichte erzählt diese Flasche? Es geht um den Vibe, diese magische Mischung aus Geschmack, Identität und Anlass. Und genau da glänzt Tequila.
Es wird wieder experimentiert, und zwar handwerklich. Neue Marken setzen auf uralte Methoden, etwa die Tahona, ein riesiges Steinrad, das die gegarte Agave traditionell zermahlt, langsam und ehrlich, statt sie maschinell durchzujagen. Andere wagen sich an skulpturale, fast architektonische Flaschen, die schon im Regal eine Ansage machen. Die Branche stellt sich also nicht stur quer, sie wächst und differenziert sich. Schön zu sehen.
Was so eine Flasche wirklich kostet
Jetzt wird’s spannend, und vielleicht ein bisschen ernüchternd. Viele fragen sich: Die Agavenpreise sind doch gefallen, warum wird mein Tequila nicht billiger?
Stimmt, der Agavenpreis ist von einem Höchststand von rund 32 Pesos pro Kilo auf magere 5 bis 8 Pesos abgestürzt. Aber die Flaschenpreise? Bleiben stabil. Und das hat einen Grund, der mir tatsächlich Respekt abnötigt: In den teuren Boom-Jahren haben Produzenten und Importeure die Mehrkosten oft selbst geschluckt, um euch stabile Preise zu bieten. Die heute niedrigen Agavenpreise sind weniger ein Schnäppchen für uns, sondern eher die Überlebenshilfe, mit der die Brennereien ihre alten Verluste wieder aufholen.
Und dann türmt sich der Rest: Für einen einzigen Liter 100%-Agave-Tequila braucht man rund 7 Kilo Agave. Dazu Glas, Korken, Etiketten, alles wird Jahr für Jahr 3 bis 5% teurer. Verbrauchssteuern, Fracht, Versicherung, Zoll. Eine Lieferkette mit drei Stufen, in der jeder seine Marge braucht. Und schließlich Marketing, das bei Tausenden konkurrierenden Marken locker mit 4 bis 5 Dollar pro Flasche zu Buche schlägt. Am Ende ist der Preis im Regal ein gestapelter Turm aus lauter kleinen, ehrlichen Kosten. Qualität hat eben ihren Preis, und der hat einen guten Grund.
Mein Fazit: Gut genug? Nur, wenn er es ehrlich meint
Versteht mich nicht falsch: Guter Tequila muss nicht teuer sein. Man muss kein Vermögen ausgeben, um etwas Wunderbares im Glas zu haben. Aber meine kleine Daumenregel hat sich über die Jahre bewährt: Ab etwa 20 € fängt der ehrliche Genuss an. Darunter wird’s erfahrungsgemäß schwierig, einen reinen, sauber gemachten Tropfen zu finden.
Und das Wichtigste, die eine Sache, die ich euch mitgeben will: 100% de Agave muss schon sein. Alles andere ist eben, mit einem Augenzwinkern gesagt, nicht gut genug.
Wer jetzt Lust bekommen hat, ohne gleich die Sparbüchse zu plündern: Schaut unbedingt in meinen Artikel „Die besten Tequilas unter 35 €“. Da zeige ich euch, dass großartige Agave und ein freundlicher Preis sich wunderbar vertragen.
Denn am Ende des Tages gilt: Du bist gut genug. Dein Tequila sollte es aber auch sein.
¡Salud!
Euer Tequila Dealer
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